Entgelttransparenz: Vom Gesetzestext in die Unternehmenspraxis
Wie fair und nachvollziehbar sind die Gehälter im eigenen Unternehmen? Welche Tätigkeiten sind tatsächlich miteinander vergleichbar? Und wie können sich gerade kleinere und mittlere Unternehmen auf die kommenden Anforderungen vorbereiten, ohne daraus gleich ein Mammutprojekt zu machen?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich rund 30 Unternehmerinnen und Unternehmer bei unserer Veranstaltung „Prio meets Arbeitsrecht: Entgelttransparenz und Gender Pay Gap im Unternehmensalltag“ am 19. August. Mit dem Hildesheimer Wildgatter hatten wir dafür einen ebenso besonderen wie passenden Rahmen gewählt: raus aus dem klassischen Seminarraum und hinein in einen Abend, bei dem fachlicher Input, praktische Erfahrungen und persönlicher Austausch gleichermaßen Platz hatten.
Den Auftakt übernahm Rechtsanwalt Christoph Putzer. Er gab einen Überblick über die EU-Entgelttransparenzrichtlinie und die damit verbundenen Anforderungen an Arbeitgeber. Dabei wurde schnell deutlich: Das Thema reicht weit über die reine Frage hinaus, ob Frauen und Männer für dieselbe Tätigkeit dasselbe verdienen.
Eine zentrale Herausforderung liegt vielmehr darin, gleiche und gleichwertige Arbeit überhaupt zu bestimmen. Entscheidend ist dabei nicht allein die Stellenbezeichnung. Tätigkeiten müssen anhand objektiver und geschlechtsneutraler Kriterien betrachtet werden – etwa hinsichtlich der erforderlichen Kompetenzen, der Belastungen, der übernommenen Verantwortung und der jeweiligen Arbeitsbedingungen.
Auch die Informations- und Auskunftsrechte von Beschäftigten sowie mehr Transparenz bereits im Bewerbungsprozess werden für Unternehmen eine größere Rolle spielen. Damit rückt eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Nach welcher nachvollziehbaren Logik entsteht Vergütung eigentlich im eigenen Betrieb?
Wie sich diese eher abstrakten Anforderungen in die Unternehmenspraxis übersetzen lassen, zeigte anschließend Sinah Koelman, Personalleiterin des Erlebnis-Zoo Hannover. Ihr Ansatz machte deutlich, dass Entgelttransparenz nicht zwingend mit einem aufwendigen Großprojekt beginnen muss.
Am Anfang steht vielmehr eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was zahlen wir eigentlich – vom Grundgehalt über Zulagen und Prämien bis hin zu weiteren geldwerten Vorteilen? Im nächsten Schritt gilt es, Funktionen nach Aufgaben und Verantwortung zu ordnen, Gehaltsspannen zu definieren und nachvollziehbar festzuhalten, nach welchen Kriterien Vergütungsentscheidungen getroffen werden.
Ebenso wichtig ist der Blick auf Auffälligkeiten: Wo liegen Gehälter deutlich ober- oder unterhalb definierter Spannen und lässt sich dies sachlich begründen? Schließlich geht es darum, die gewonnenen Erkenntnisse in die bestehenden Prozesse zu übertragen – beispielsweise in Recruiting, Gehaltsgespräche oder den Umgang mit künftigen Auskunftsanfragen.
Eine wichtige Botschaft des Abends: Entgelttransparenz muss nicht nur als zusätzliche gesetzliche Verpflichtung verstanden werden. Klare Vergütungsstrukturen können auch dazu beitragen, Führungskräfte zu entlasten, Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen, Konflikte zu reduzieren und Vertrauen innerhalb der Belegschaft zu schaffen.
Genau darum ging es bei Prio:Personal: nicht um Patentrezepte, sondern darum, rechtliche Anforderungen verständlich zu machen, Erfahrungen aus der Praxis zu teilen und gemeinsam zu überlegen, welche Ansätze sich auf den eigenen Betrieb übertragen lassen.
Nach den Vorträgen blieb entsprechend viel Raum für Fragen, Gespräche und den Austausch untereinander. Den Abschluss bildete ein geselliger Abend am Grillbuffet – und damit die Gelegenheit, die vielen Impulse in entspannter Atmosphäre im Hildesheimer Wildgatter weiterzudiskutieren.
Vielen Dank an Christoph Putzer und Sinah Koelman für die fachlichen und praktischen Einblicke und an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die vielen Fragen, Perspektiven und guten Gespräche.